Immer komplexere technologische Abhängigkeiten, gesellschaftliche und ökonomische Interdependenzen sowie Umweltbelastungen kennzeichnen die Gegenwart, in der wir leben. Das Stichwort Resilienz erfreut sich darum in jüngster Zeit grosser Beliebtheit, in teils sehr unterschiedlichen Kontexten. Bitcoin hat trotz seines jungen Alters schon viele Turbulenzen überstanden und ist als «brand name» rund um den Erdball bekannt. Nachfolgend soll erläutert werden, welche Eigenschaften Bitcoin resilient und darüber hinaus in hohem Masse antifragil machen.

Warum Bitcoin sehr robust ist
In der Systemtheorie bezeichnet Resilienz, laut einer Definition der Universität Southampton, die Fähigkeit eines Systems, Störungen zu absorbieren, Veränderungen zu erfahren und dennoch im Wesentlichen dieselbe Funktion, Struktur, Identität und Rückkopplung beizubehalten.
Verglichen mit anderen von Menschen konzipierten Netzwerken, insbesondere etwa traditionellen Finanzsystemen oder sozialen Medienplattformen, ist Bitcoin viel weniger anfällig für regulatorische Eingriffe, technische Störungen oder wirtschaftliche Manipulationen. Dies aufgrund folgender Eigenschaftskombination:
- Dezentralisierung: Bitcoin ist kein zentral gesteuertes System, sondern beruht auf einer dezentralen Systemarchitektur. Tausende von Nodes weltweit halten Kopien der Blockchain und validieren Transaktionen unabhängig voneinander. Dadurch gibt es keinen einzelnen Angriffsvektor, der das Netzwerk komplett lahmlegen könnte.
- Unveränderlichkeit der Blockchain: Einmal bestätigte Transaktionen sind praktisch irreversibel. Durch die Kombination von Proof-of-Work und kryptografischer Verkettung bleiben historische Daten unangreifbar.
- Anreizmechanismen für Sicherheit: Miner erhalten Belohnungen für das Hinzufügen neuer Blöcke zur Blockchain. Dieser wirtschaftliche Anreiz sorgt dafür, dass Rechenleistung dem Netzwerk zugutekommt. Je grösser das Netzwerk, desto sicherer ist es. Denn je höher die Hashrate von Bitcoin, desto schwieriger und teurer werden Angriffsversuche. Mit der heute existierenden Computer-Technologie sind sogenannte 51-Prozent-Angriffe nur noch in der Theorie denkbar, aber in der Realität praktisch ausgeschlossen und darum ausgesprochen unwahrscheinlich.
- Weltweite Verteilung: Bitcoin-Nodes befinden sich inzwischen in nahezu jedem Land der Welt, Bitcoin-Mining wird in zahlreichen Staaten betrieben. Falls ein Staat oder eine Region versucht, diese Aktivitäten zu einzuschränken oder von katastrophalen Ereignissen betroffen ist, bleibt das Netzwerk dennoch insgesamt funktionsfähig.
- Transparente Software: Das Protokoll von Bitcoin ist open source, d. h. prinzipiell für jedermann zugänglich und entwickelt sich durch Diskussionen und Beiträge innerhalb einer heterogenen, international verteilten Gemeinschaft weiter. Durch Transparenz und den Wettbewerb der Ideen können Sicherheitslücken frühzeitig erkannt und behoben werden.
Antifragilität – wachsen durch Volatilität, Stress und Chaos
Ein resilientes System ist primär widerstandsfähig. Es kann externe Schocks absorbieren und sich erholen, ohne seine grundlegende Funktionalität zu verlieren. Es bleibt stabil, auch unter Belastung. Der Begriff der Antifragilität wurde von Nassim Taleb, einem Finanzmathematiker und Risikoanalyst, geprägt (siehe auch sein Buch «Things that gain from disorder», 2012) und geht darüber hinaus.
Ein antifragiles System ist ebenfalls robust. Resilienz ist eine notwendige, aber für sich genommen noch keine hinreichende Eigenschaft. Unter dem Eindruck von Chaos, Volatilität und Stress wächst ein antifragiles System gewissermassen über sich selbst hinaus. Anstatt lediglich weiterzuexistieren verbessert es sich unter solchen Herausforderungen. Als klassisches Beispiel für eine antifragile Infrastruktur wird häufig das Internet aufgeführt, das im Laufe seines Bestehens immer leistungsfähiger wurde.
Auf die Unternehmenswelt gemünzt könnte man behaupten, eine resiliente Firma übersteht eine Krise im Markt, indem sie sich durch Kostensenkungen stabilisiert. Eine antifragile Organisation hingegen sucht aktiv neue Marktchancen und entwickelt neue Geschäftsmodelle.
Beliebt, weil besonders anschaulich, sind auch Beispiele aus der Biologie (ein Muskel, der unter Belastung stärker wird) sowie aus der Physik und den Materialwissenschaften: Ein Weinglas ist fragil, es zerspringt nach einem Stoss, der zu einer übermässigen Belastung führt. Ein Plastikbecher ist dagegen resilient, er übersteht denselben Stoss unbeschadet. Eine hydrodynamische Plastikverpackung schliesslich, die sich bei Druck anpasst und stärker abdichtet, wäre in diesem Kontext antifragil.
Würden die drei Objekte jedoch erwärmt, sähe das Ergebnis freilich anders aus, wobei bestimmte Werkstoffe unter Hitzeeinwirkung Schutzschichten ausbilden. Das Beispiel zeigt, was auch Forschungen bestätigen: Antifragilität ist bei Materialien spezifisch und begrenzt. Der Schluss liegt zudem nahe, dass Antifragilität kontextabhängig ist. Kein System reagiert auf alles gleichzeitig antifragil.
Antifragile Aspekte von Bitcoin
Bitcoin zeigt viele Merkmale eines antifragilen Systems. Besonders augenfällig ist seine Dezentralität: Zum heutigen Zeitpunkt ist keine zentrale Instanz bekannt, die abgeschaltet oder manipuliert werden kann, es existiert kein «single point of failure».
Cyberresilienz bezeichnet die Fähigkeit eines Systems, auch während Angriffen die von ihm vorgesehene Leistung zu liefern. Widerstandsfähigkeit gegenüber Cyberattacken ist von herausragender Bedeutung für IT-Systeme und kritische Infrastrukturen. Bitcoin war seit seiner Erschaffung im Jahr 2009 beständig Hackerangriffen ausgesetzt. Heute deutet alles darauf hin, dass das Bitcoin-Netzwerk in der Folge immer sicherer und robuster geworden ist.
Die offene Netzwerkstruktur von Bitcoin ermöglicht eine breite Teilnahme und Teilhabe. Dies fördert Innovation, was als ein typisches Merkmal antifragiler Systeme gilt. Die bisherige Erfahrung legt ausserdem den Schluss nahe, dass Bitcoin in einem Umfeld von Volatilität, Unsicherheit und regulatorischem Druck wächst. Während andere Systeme, nicht zuletzt im Umfeld von Banken, Zentralbanken und politischen Entitäten, unter solchen Bedingung an Akzeptanz einbüssen oder ihren Fortbestand durch noch höhere Zentralisierung gewährleisten, profitierte Bitcoin in turbulenten Zeiten von zunehmendem Vertrauen in seine inhärente Robustheit.
Schliesslich ist bei Bitcoin ein positiver Rückkopplungseffekt zu beobachten: Je mehr Menschen Bitcoin nutzen, desto sicherer wird das System, desto wertvoller ist die Leistung, die das Netzwerk erbringt. Dieser Effekt ist ein weiterer antifragiler Mechanismus: Stress führt nicht zum Zusammenbruch, sondern zu weiterem Wachstum.